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Wer ist Sanae Takaichi, Japans „Eiserne Lady“ und erste weibliche Premierministerin?

Sanae Takaichi tritt als erste Frau in Japans Geschichte die Position der Premierministerin an. Sie hat in einer entscheidenden Führungsabstimmung im japanischen Parlament gesiegt und wird damit zur wegweisenden Figur in einem Land, das lange von männlichen Politikern dominiert wurde. Am Dienstag, dem 21. Oktober 2025, ist sie mit Kaiser Naruhito verabredet, um ihre Ernennung offiziell zu machen – ein traditioneller Schritt, der ihre Rolle als neue Regierungschefin besiegelt. Dieser Meilenstein markiert nicht nur einen Geschlechterdurchbruch, sondern unterstreicht auch die anhaltende Dominanz der Liberaldemokratischen Partei (LDP) in Japans Politik. Hier ist ein detaillierter Überblick über Japans nächste Führerin, basierend auf ihrer Biografie, ihren politischen Positionen und den Implikationen ihres Sieges.

Was ist Takaichis Hintergrund?

Sanae Takaichi, geboren am 7. September 1961, ist mittlerweile 64 Jahre alt und eine der erfahrensten Politikerinnen Japans. Sie betrat die politische Bühne in den frühen 1990er Jahren, als sie 1993 als Abgeordnete im Unterhaus des Parlaments (Shūgiin) für die LDP gewählt wurde – eine Partei, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fast durchgängig die Regierung Japans gestellt hat. Ihre Heimat ist die Präfektur Nara in der zentralen Region Kansai, eine historische Gegend bekannt für ihre antiken Tempel und als Wiege der japanischen Kultur. Takaichi wuchs in einem relativ bescheidenen Umfeld auf, was sie von vielen ihrer LDP-Kollegen unterscheidet, die oft aus privilegierten Familien stammen und Abschlüsse von Spitzenuniversitäten wie der University of Tokyo oder sogar internationalen Institutionen wie der Harvard Kennedy School vorweisen können.

Sie absolvierte ihr Studium der Rechtswissenschaften an der Kobe University, einer renommierten, aber nicht elitärsten Einrichtung Japans. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst als Journalistin, was ihr ein tiefes Verständnis für Medien und öffentliche Kommunikation vermittelte – Fähigkeiten, die sie später in ihrer politischen Karriere einsetzte. Takaichis Aufstieg ist eng mit dem verstorbenen Premierminister Shinzo Abe verbunden, der 2022 ermordet wurde. Als seine enge Vertraute und Protegé diente sie in mehreren seiner Kabinetten, darunter als Ministerin für Wirtschaft, Handel und Industrie sowie als Ministerin für innere Angelegenheiten und Kommunikation. Auch unter Fumio Kishida, Abe’s Nachfolger, der 2021 bis 2024 im Amt war, übernahm sie Schlüsselpositionen, wie die Leitung des Kabinettsbüros für Geschlechtergleichstellung – ironischerweise ein Bereich, in dem ihre konservativen Ansichten oft kontrovers diskutiert wurden. Diese langjährige Erfahrung hat sie zu einer Expertin für wirtschaftliche Reformen und nationale Sicherheit gemacht, und sie gilt als Brückenbauerin zwischen der alten Garde der LDP und jüngeren Reformern.

Was sind Takaichis politische Ansichten?

Sanae Takaichi zieht ihren Spitznamen „Eiserne Lady“ aus der Bewunderung für Margaret Thatcher, die britische Premierministerin der 1980er Jahre, die für ihre unerschütterliche Härte in Wirtschafts- und Sozialfragen bekannt war. Diese Parallele spiegelt Takaichis konservative, marktorientierte Haltung wider, die sie in der jüngsten LDP-Führungsabstimmung klar zum Ausdruck brachte. Sie plädiert für eine Wiederbelebung von „Abenomics“, dem dreigliedrigen Wirtschaftsprogramm unter Abe: aggressive Fiskalausgaben zur Stimulierung des Wachstums, expansive Geldpolitik durch die Bank of Japan und strukturelle Reformen, um Japans stagnierende Wirtschaft anzukurbeln. In einer Zeit hoher Inflation und Schuldenlast Japans – das Land hat die höchste Staatsverschuldung der Welt mit über 250 Prozent des BIP – verspricht sie, diese Strategie anzupassen, um kleine und mittlere Unternehmen zu stärken und die Abhängigkeit von Exporten zu verringern. Quellen wie der Japan Times berichten, dass sie auch Investitionen in grüne Technologien und Digitalisierung priorisieren will, um Japans Wettbewerbsfähigkeit in Asien zu sichern.

Auf sozialen Themen zeigt sich Takaichi traditionell und restriktiv. Sie lehnt die Legalisierung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ab, argumentierend, dass dies die traditionellen Familienwerte Japans untergrabe – eine Position, die in einer alternden Gesellschaft mit sinkenden Geburtenraten kontrovers ist. Bezüglich Einwanderung fordert sie strengere Kontrollen, um kulturelle Homogenität zu wahren, obwohl Japan zunehmend Arbeitskräfte aus dem Ausland braucht, um seinen Arbeitsmarkt zu stützen. In der Frage der kaiserlichen Thronfolge – ein sensibles Thema in Japan – unterstützt sie die Bevorzugung männlicher Erben, um die 2.600 Jahre alte Linie des Kaisertums zu schützen, was Kritiker als rückwärtsgewandt sehen.

Besonders scharf positioniert ist Takaichi in der Außenpolitik: Als überzeugte „China-Falke“ fordert sie eine massive Aufrüstung der Selbstverteidigungsstreitkräfte (JSDF), einschließlich höherer Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des BIP, wie es die NATO-Standards vorschlagen. Sie betont die Aufrechterhaltung des Status quo in der Taiwanstraße und hat als LDP-Abgeordnete mehrmals offizielle Besuche in Taipeh absolviert, wo sie mit Parteien wie der Kuomintang und der DPP zusammentraf. Diese Reisen haben Beijings Zorn erregt und zu diplomatischen Protesten geführt, da China Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet. Ebenso umstritten sind ihre regelmäßigen Besuche am Yasukuni-Schrein in Tokio, einem Komplex, der Japans Gefallene aus allen Kriegen ehrt, aber auch 14 verurteilte Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs. Solche Pilgerfahrten werden in Ländern wie China und Südkorea als Provokation empfunden und belasten die Beziehungen in Ostasien. Takaichis Haltung unterstreicht ihre Vision eines stärkeren, unabhängigeren Japans, das enger mit den USA kooperiert, wie in gemeinsamen Militärübungen und dem Quad-Bündnis (mit USA, Australien und Indien).

Was bedeutet Takaichis Sieg für Japan?

Der Wahlsieg von Sanae Takaichi signalisiert eine Fortsetzung der konservativen Linie in Japans Politik, gepaart mit einem spürbaren Rechtsruck, der die LDP weiter radikalisiert. Experten wie Stephen Nagy, Professor für Politik und Internationale Beziehungen an der International Christian University in Tokio, betonen jedoch, dass japanischer Konservatismus sich grundlegend vom westlichen Modell unterscheidet. „In Japan geht es um Stärke in der nationalen Sicherheit, eine harte Haltung gegenüber China, die Festigung der US-Japan-Allianz und den Schutz des Kaisersystems“, erklärte Nagy in einem Vorab-Interview mit Al Jazeera. Anders als in Europa oder den USA, wo Konservative oft Sozialprogramme kürzen, steht Takaichi für eine interventionistische Regierung, die das umfassende Sozialversicherungssystem Japans – inklusive Renten, Gesundheitsversorgung und Unterstützung für Ältere – aufrechterhält. In einem Land mit einer der ältesten Bevölkerungen der Welt (über 29 Prozent über 65 Jahre) ist dies entscheidend, um soziale Stabilität zu gewährleisten.

Dieser Ansatz könnte Japans Rolle in der Region festigen: Stärkere Verteidigungskooperationen mit den USA unter Präsident Donald Trump, der kürzlich seine zweite Amtszeit antrat, und eine härtere Linie gegenüber Nordkoreas Raketentests und Chinas Expansion im Südchinesischen Meer. Analysen der BBC und des Council on Foreign Relations deuten darauf hin, dass Takaichis Führung die wirtschaftliche Resilienz Japans verbessern könnte, indem sie Lieferketten von China wegdiversifiziert und Investitionen in Halbleiter und KI fördert. Dennoch warnen Kritiker vor Polarisierung: Ihre konservativen Positionen könnten progressive Kräfte in der Opposition, wie die Verfassungsdemokratische Partei, mobilisieren und zu gesellschaftlichen Spaltungen führen. Insgesamt verspricht ihr Sieg Stabilität in unsicheren Zeiten, aber mit dem Risiko interner Konflikte in der LDP.

Was kommt als Nächstes für Takaichi?

Takaichis Pfad zum Sieg war von Anfang an holprig und von internen Kämpfen geprägt, was ihre Position als neue Premierministerin prekär macht. Sie ist die vierte Regierungschefin Japans in nur fünf Jahren – eine hohe Fluktuation, die auf die Instabilität der LDP hinweist. Die Partei, die seit 1955 fast ununterbrochen regiert hat, verlor in den Wahlen der letzten zwei Jahre ihre absolute Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments (Diet), was zu einer Abhängigkeit von Koalitionspartnern führte. Ihre langjährige Allianz mit der rechtsextremen Sanseito-Partei – bekannt für nationalistische und anti-immigratorische Rhetorik – zerbrach nur Tage nach Takaichis Wahl zur LDP-Chefin im Oktober 2025. Der Grund: Unstimmigkeiten über illegale Kampagnenspenden und fehlende Anti-Korruptionsreformen, die den Skandal um die LDP weiter anheizen.

Glücklicherweise konnte die LDP rasch eine neue Koalition mit der Japan Innovation Party (Nippon Ishin no Kai) schmieden, einer ebenfalls konservativen Kraft aus Osaka, die für Dezentralisierung und wirtschaftliche Liberalisierung steht. Diese Partnerschaft sicherte gerade genug Stimmen für Takaichis Parlamentsmehrheit diese Woche. Dennoch steht sie vor einer Lawine von Herausforderungen. Wirtschaftlich muss sie die Lebenshaltungskostenkrise bekämpfen: Steigende Preise für Lebensmittel und Energie, getrieben durch globale Lieferkettenstörungen und den Yen-Schwund, belasten Millionen Haushalte. International lastet der Handelskrieg von US-Präsident Trump schwer auf Japan, das als enger Verbündeter höhere Zölle auf Autos und Elektronik fürchten muss – ein Szenario, das die Exportnation hart trifft.

Sicherheitspolitisch dominieren Bedrohungen durch China, das seine militärische Präsenz in der Ostsee ausbaut, und Nordkorea, das kürzlich ballistische Raketen über Japan hinweg testete. Die LDP ringt noch immer mit den Nachwirkungen eines massiven Korruptionsskandals aus 2024, bei dem Politiker Slushfonds für Wahlkämpfe nutzten, was das Vertrauen der Wähler erschüttert hat. Experten von Reuters und der Asahi Shimbun raten Takaichi, ihre scharfen Kanten zu glätten: Weniger provokative Schreinbesuche und mehr Kompromisse in der Einwanderungspolitik könnten helfen, die Opposition zu besänftigen. Ohne breite Unterstützung droht ein Misstrauensvotum im Parlament, das ihre Amtszeit früh beenden könnte. In den kommenden Monaten wird sie ihr Kabinett formen müssen, möglicherweise mit Abe-Loyalisten und Frauen in Schlüsselrollen, um ihren historischen Charakter zu unterstreichen. Ob sie diese Turbulenzen meistert, wird entscheiden, ob sie Japans Politik langfristig prägt.

Die Informationen stammen von Al Jazeera und BBC.