Das einzige Land der Welt, das alle benötigten Lebensmittel selbst produziert.
In einer Welt, die mit zerrütteten Lieferketten und zunehmender Ernährungsunsicherheit zu kämpfen hat, hat eine neue Studie etwas identifiziert, das viele Experten für eine moderne Unmöglichkeit hielten: ein einziges Land, das vollständig ernährungstechnisch autark ist. Dieses Land ist Guyana.
Laut einer bahnbrechenden Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Food veröffentlicht wurde, ist das südamerikanische Land das einzige Land der Welt, das alle eigenen Nahrungsmittel produziert, um die Ernährungsbedürfnisse seiner Bevölkerung in allen Hauptnahrungsgruppen zu decken.
Diese Entdeckung kommt zu einem Zeitpunkt, da die meisten Länder, einschließlich globaler Supermächte, stark von Importen für ihre Ernährungsvielfalt abhängig sind. Die Ergebnisse positionieren Guyana, ein Land mit nur 800.000 Einwohnern, als einzigartiges Modell der Widerstandsfähigkeit und als aufstrebenden „Brotkorb“ für die gesamte Karibikregion.
Zentrale Fakten & Schnelle Erkenntnisse
Einzigartig: Eine Nature Food-Studie, die 186 Länder analysierte, fand heraus, dass Guyana das einzige Land ist, das in allen sieben zentralen Nahrungsgruppen vollständig autark ist: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, pflanzliche Proteine und stärkehaltige Grundnahrungsmittel.
Knapp vorbeigeschrammt: Andere große Lebensmittelproduzenten kamen nahe, verfehlten aber knapp. China und Vietnam beispielsweise waren in sechs der sieben Kategorien autark.
Wie sie es geschafft haben: Guyanas Erfolg ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer gezielten, aggressiven Regierungsstrategie, einschließlich einer Erhöhung des Haushalts für die Landwirtschaft seit 2020 um 468 %.
Globaler Kontrast: Die meisten Industrieländer sind stark importabhängig. Das Vereinigte Königreich hatte 2023 eine Selbstversorgungsquote von 62 %, während die Vereinigten Staaten etwa 19,3 % ihrer Lebensmittel und Getränke importieren.
Wichtiger Unterschied: Der Bericht betont den Unterschied zwischen Lebensmittel-Selbstversorgung (alles selbst produzieren) und Ernährungssicherheit (konstanter Zugang zu Lebensmitteln, auch durch Importe).
Die bahnbrechende Studie: Eine globale Anomalie
Die in Nature Food veröffentlichte Forschung bietet eine der umfassendsten Analysen zur nationalen Nahrungsmittelproduktion im Verhältnis zum inländischen Bedarf. Der Hauptautor, Dr. Jonas Stehl, und sein Team bewerteten die Fähigkeit von 186 Ländern, ihre Bevölkerungen mit einer ausgewogenen Ernährung aus eigenen landwirtschaftlichen und aquatischen Ressourcen zu versorgen.
Das Ergebnis zeichnete ein klares Bild globaler Abhängigkeiten. Weniger als die Hälfte der untersuchten Länder produziert genügend pflanzliches Eiweiß, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Nur 25 % produzieren ausreichend Gemüse. Viele Länder der Arabischen Halbinsel und kleine Inselstaaten produzieren fast keine der benötigten Nahrungsgruppen und sind vollständig importabhängig.
Inmitten dieses Defizits stand Guyana allein da. Das Land konnte in allen sieben Kategorien ausreichende Eigenproduktion nachweisen – von riesigen Reis- und Zuckerrohrfeldern bis hin zu robusten Viehzucht-, Fischerei- und Obstsektoren.
Dieser Erfolg ist umso bemerkenswerter, als viele entwickelte Länder ihre Selbstversorgung verringert haben, indem sie sich auf Cash Crops und globalen Handel konzentrierten. Guyana hingegen verfolgte bewusst eine Politik der Diversifizierung und Unabhängigkeit.
Wie Guyana eine Ernährungsfestung aufbaute
Guyanas besondere Stellung ist das Ergebnis einer konzertierten, milliardenschweren nationalen Strategie. Unter Präsident Irfaan Ali hat die Regierung die Landwirtschaft als Eckpfeiler der wirtschaftlichen Entwicklung definiert und den neu entdeckten Ölreichtum genutzt, um ein widerstandsfähiges Ernährungssystem aufzubauen.
Diese Strategie ist ein wichtiger Bestandteil der Initiative „Vision 25 by 2025“ der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM), die darauf abzielt, die massiven Lebensmittelimporte der Region bis 2025 um 25 % zu senken. Guyana steht an der Spitze dieser Bewegung.
468 % Haushaltssteigerung und gezielte Politik
Das aussagekräftigste Indiz ist die finanzielle Verpflichtung der Regierung. Seit 2020 sind die Landwirtschaftsausgaben um 468 % gestiegen. Diese Mittel flossen direkt in Programme zur Produktionssteigerung, Unterstützung von Landwirten und Infrastrukturaufbau.
Zentrale politische Maßnahmen:
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Abschaffung der Mehrwertsteuer: Auf alle landwirtschaftlichen Maschinen, Geräte und Pestizide wurde die Mehrwertsteuer abgeschafft, was die Kosten für Landwirte erheblich senkte.
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Düngemittelhilfe: Ein Förderprogramm in Höhe von 2 Milliarden GY$ stellte Bauern kostenlosen Dünger zur Verfügung, um Erträge trotz hoher Weltmarktpreise zu steigern.
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Pflanzenvielfalt: Über 10.000 Acres wurden für neuen Mais- und Sojaanbau bestimmt, mit Ausbauplänen auf 25.000 Acres – zur Eigenproduktion von Tierfutter und Reduzierung von Importen.
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Gezielter Ausbau: Das „Broiler Breeder Project“ unterstützt über 5.500 Landwirte beim Ausbau der Geflügelproduktion. Gleichzeitig stieg die Honigproduktion durch Investitionen in die Imkerei von 2.600 Gallonen (2023) auf fast 30.000 Gallonen (2024).
Diese Investitionen von oben nach unten haben ein geschlossenes System geschaffen, in dem Guyana nicht nur sich selbst ernährt, sondern zunehmend große Mengen für karibische Nachbarn exportiert.
Der kritische Unterschied: Selbstversorgung vs. Ernährungssicherheit
Die Autoren der Nature Food-Studie betonen, dass zwischen beiden Konzepten unterschieden werden muss.
Lebensmittel-Selbstversorgung: Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) bezeichnet sie den Grad, zu dem ein Land seine Ernährungsbedürfnisse aus eigener Produktion decken kann.
Ernährungssicherheit: Sie besteht, wenn alle Menschen jederzeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung haben.
Ein Land kann vollständig ernährungssicher sein, ohne autark zu sein – wie Singapur oder Japan, die sich ihre Ernährungssicherheit durch Wohlstand und vielfältige Importe sichern.
Guyanas Erfolg liegt darin, beides zu vereinen: Selbstversorgung durch Eigenproduktion und Ernährungssicherheit durch stabile Zugangsstrukturen.
Datenvergleich: Wie andere Länder abschneiden
Guyanas 100 % Selbstversorgung steht in scharfem Gegensatz zu den meisten anderen Ländern:
1. Das Vereinigte Königreich
2023: Selbstversorgungsgrad 62 % bei allen Lebensmitteln, 75 % bei einheimisch produzierbaren Lebensmitteln.
2024 Ausblick: Extrem nasse Winter könnten die Ernteerträge stark senken. Prognosen zufolge wird die Selbstversorgung von 86 % auf 78 % fallen.
2. Die Vereinigten Staaten
Trotz enormer Exporte ist die USA nicht autark. Laut USDA machten Importe 2022 etwa 19,3 % des gesamten Nahrungsmittel- und Getränkeverbrauchs aus. Hauptimporte: Obst, Gemüse, Nüsse, Kaffee sowie Fisch und Meeresfrüchte.
Experteneinschätzung: Ist 100 % Autarkie sinnvoll?
Während Guyanas Erfolg ein Symbol der Widerstandsfähigkeit ist, warnen viele Ökonomen, dass vollständige Autarkie weder nachhaltig noch optimal ist.
Dr. Jonas Stehl argumentiert, dass internationale Handelsmodelle auf „komparativem Vorteil“ effizienter sind und niedrigere Preise sichern. Vollständige Selbstversorgung kann riskant sein, da Naturkatastrophen innerhalb eines Landes die Versorgung gefährden könnten – während ein Land mit vielen Importpartnern flexibler reagiert.
Fazit
Guyana ist ein globaler Sonderfall. Das Land beweist, dass entschlossene Politik und Investitionen totale Lebensmittelunabhängigkeit ermöglichen können.
Die entscheidende Herausforderung bleibt Nachhaltigkeit. Als „Brotkorb der Karibik“ muss Guyana das Gleichgewicht zwischen Eigenbedarf, Exportambitionen und Klimarisiken wahren. Für die Welt ist Guyanas Beispiel weniger eine Vorlage, sondern eine Mahnung: In Zeiten geopolitischer Spannungen und unterbrochener Lieferketten zählt Ernährungssouveränität mehr denn je.
