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Mücken erstmals in Island nach rekordverdächtigen Temperaturen gefunden

Mücken wurden erstmals auf isländischem Boden nachgewiesen, was ein historischer Meilenstein in der Naturgeschichte des Landes darstellt. Bis vor Kurzem galt Island als einer der wenigen Orte auf der Erde, an denen keine einheimische Mückenpopulation existierte – einzigartig durch das raue, kühle Klima, starke Winde und den Mangel an stehenden Gewässern, die für die Larvenentwicklung essenziell sind. Heute bleibt nur noch die Antarktis als letztes mückenfreies Refugium auf dem Planeten. Der Klimawandel verändert dies jedoch grundlegend Island erwärmt sich mit einer alarmierenden Geschwindigkeit von viermal so schnell wie der Rest der Nordhalbkugel, was zu massivem Gletscherschmelzen, steigenden Meeresspiegeln und zunehmend häufigen Hitzewellen führt. Diese Veränderungen schaffen neue Bedingungen, die Insekten wie Mücken begünstigen und das fragile Ökosystem des Inselstaats bedrohen.

Im Mai dieses Jahres erlebte Island seinen heißesten Tag aller Zeiten, als die Temperaturen in Teilen des Landes auf beeindruckende 26,6 Grad Celsius kletterten – ein Wert, der für das subarktische Klima absolut außergewöhnlich ist. Viele Regionen verzeichneten im Frühling Werte, die mehr als 10 Grad über dem langjährigen Durchschnitt lagen, was zu ungewöhnlichen Wetterphänomenen wie Trockenperioden und plötzlichen Regenfällen führte. Solche Extremereignisse sind kein Zufall Laut dem Islandischen Meteorologischen Amt (Veðurstofa Íslands) haben die durchschnittlichen Jahrestemperaturen in den letzten 50 Jahren um etwa 1,5 Grad Celsius zugenommen, und Prognosen deuten auf eine weitere Erwärmung von bis zu 3 Grad bis 2050 hin. Experten befürchten, dass diese schnelle Erwärmung es invasiven Insekten ermöglichen könnte, sich in den ausgedehnten Mooren, Teichen und neu entstehenden Feuchtgebieten des Landes anzusiedeln, was langfristig die Biodiversität und das tägliche Leben der Isländer beeinflussen könnte.

Die Entdeckung der Mücken im Detail

Der passionierte Insektenliebhaber Bjorn Hjatason aus der Region um Reykjavik stieß auf diese bahnbrechende Entdeckung in der malerischen Gletschertalregion Kjós, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Kjós ist bekannt für seine unberührte Natur, mit schmelzenden Gletschern und kleinen Bächen, die durch vulkanisches Terrain fließen. Hjatason, der sich seit Jahren mit der lokalen Insektenfauna beschäftigt, nutzte dabei spezielle weingetränkte Seile – eine gängige Methode in der Entomologie, um Nachtfalter anzulocken und zu beobachten. Zu seiner Überraschung landeten darauf drei Insekten, die er zunächst nicht einordnen konnte.

Am Donnerstag, den 16. Oktober, teilte Hjatason seine Beobachtung in einer beliebten lokalen Facebook-Gruppe für Naturliebhaber mit. Er beschrieb das erste gefangene Insekt als „seltsame Fliege“ und fügte hinzu „Ich wusste sofort, dass ich so etwas noch nie gesehen hatte. Es war kleiner und zierlicher als die üblichen Fliegen hier.“ Die Aufregung in der Community war groß innerhalb weniger Stunden erhielt sein Post Dutzende Kommentare von Einheimischen, die ähnliche Sichtungen meldeten oder ihre Verwunderung äußerten. Hjatason handelte professionell Er sandte die Proben vorsichtig ans renommierte Naturwissenschaftliche Institut Islands (Náttúrufræðistofnun Íslands) in Reykjavik, wo sie von Experten analysiert wurden.

Der Entomologe Matthías Alfreðsson, ein Spezialist für nordische Insektenarten am Institut, bestätigte die Identität der Funde nach einer gründlichen Untersuchung unter dem Mikroskop. Es handelte sich um zwei weibliche und eine männliche Culiseta annulata, eine Art, die für ihre Kältebeständigkeit bekannt ist. Im Gegensatz zu tropischen Mückenarten überlebt Culiseta annulata Temperaturen bis hinunter zu minus 10 Grad Celsius und ist in rauen Klimazonen wie Sibirien, Skandinavien und Teilen Osteuropas heimisch. Alfreðsson erklärt in einem Interview mit isländischen Medien „Diese Mücken sind anpassungsfähig und suchen oft Schutz in indoor-Bereichen wie Scheunen, Ställen oder sogar menschlichen Behausungen, um die harten Winter zu überdauern. Sie legen ihre Eier in temporäre Wasseransammlungen, was sie ideal für Islands wechselhaftes Wetter macht.“ Die Art ernährt sich hauptsächlich von Nektar und tierischem Blut, wobei die Weibchen für die Eiablage stechen – ein Verhalten, das in kühleren Regionen seltener auftritt, aber dennoch lästig sein kann.

Rolle des Klimawandels bei der Ankunft und Ausbreitung

Matthías Alfreðsson ist sich nicht hundertprozentig sicher, ob der Klimawandel allein für das plötzliche Auftauchen der Mücken verantwortlich ist, betont jedoch die enge Verbindung. „Die steigenden Temperaturen erhöhen definitiv die Chancen, dass weitere Mückenarten in Island Fuß fassen, falls sie hierher gelangen“, warnt er. Der Klimawandel schafft nicht nur wärmere Bedingungen, sondern auch mehr stehende Gewässer durch Gletscherschmelze Allein der Vatnajökull, Europas größter Gletscher, verliert jährlich Hunderte von Metern Eis, was neue Teiche und Sümpfe bildet – perfekte Brutstätten für Mückenlarven. Globale Berichte, wie der jährliche State of the Climate vom Weltmeteorologischen Organisation (WMO), unterstreichen dies: Die Arktisregion, zu der Island gehört, erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt, was zu einer Zunahme invasiver Arten führt.

Es ist durchaus möglich, dass die Insekten per Schiff, Flugzeug oder in Containern aus anderen Ländern eingeschleppt wurden. Island ist ein wichtiger Hafen für internationale Schifffahrt, und mit dem Boom des Tourismus – im Sommer 2025 besuchten über 2 Millionen Menschen das Land – steigt das Risiko für solche Transporte. Vor einigen Jahren, genauer gesagt 2020, fand man bereits eine Mücke einer anderen Art, Aedes vexans, in einem Flugzeug am internationalen Flughafen Keflavík. Damals wurde das Insekt isoliert und analysiert, aber es gab keine Sichtungen in der freien Natur. Erst in diesem Oktober ist es zum ersten bestätigten Wildfund gekommen, was auf eine mögliche Etablierung hindeutet. Experten vom Europäischen Zentrum für die Beobachtung der Umwelt (EEA) warnen, dass solche Invasionen ein Vorbote für breitere ökologische Veränderungen sein könnten, einschließlich der Ausbreitung von Krankheiten wie dem West-Nil-Virus oder der japanischen Enzephalitis, die durch Mücken übertragen werden – Risiken, die in Islands kühlem Klima bisher vernachlässigbar waren.

Hintergrund: Islands einzigartiges Klima und langfristige Veränderungen

Island war jahrzehntelang ein Paradies ohne Mücken, was es zu einem Mythos in der Reisewelt machte. Reiseführer priesen das Land als „Insektensparadies“ für Allergiker und Naturliebhaber, die hier ohne Stiche wandern konnten. Das feuchte, aber kalte Wetter mit starken Winden und vulkanischer Aktivität verhinderte die Bildung von stehenden Gewässern, die Mückenlarven benötigen. Doch der Klimawandel hat dies radikal verändert. Laut einem Bericht der Islandischen Umweltagentur (Umhverfisstofnun) sind die durchschnittlichen Sommer-Temperaturen seit 1980 um 2 Grad gestiegen, und Extremwetter wie die Hitzewelle im Mai 2025 – mit Rekordwerten von 26,6 Grad in Hveragerði – haben das Ökosystem durcheinandergewirbelt. Diese Hitze führte nicht nur zu Trockenstress für Pflanzen, sondern auch zu ungewöhnlichen Regenfällen, die Pfützen schufen.

Der Gletscher Vatnajökull dient als Paradebeispiel Er schmilzt mit einer Rate von bis zu 1 Meter pro Jahr, was zu einer Zunahme von Schmelzwassern und Feuchtgebieten führt. Solche Veränderungen passen zu globalen Trends Der IPCC-Bericht von 2023 hebt hervor, dass polare Regionen wie Island besonders vulnerabel sind, mit potenziellen Verlusten von 20 bis 30 Prozent der Gletschermasse bis 2100. Für die Biodiversität bedeutet das: Einheimische Arten wie Zugvögel oder Amphibien könnten unter dem Druck invasiver Insekten leiden, während Mücken neue Nahrungsquellen für Fledermäuse oder Spinnen bieten könnten – ein komplexes Gleichgewicht, das Forscher nun genauer untersuchen.

Auswirkungen auf Mensch und Natur sowie nächste Schritte

Die Entdeckung hat bei Umweltschützern, Wissenschaftlern und der lokalen Bevölkerung Alarmstimmung ausgelöst. In einer Pressemitteilung des Naturwissenschaftlichen Instituts wird betont, dass Mücken nicht nur lästig, sondern potenziell gesundheitsschädlich sein könnten. Obwohl Culiseta annulata selten Krankheiten überträgt, könnte ihr Auftreten den Weg für aggressivere Arten wie Aedes-Mücken ebnen, die Dengue-Fieber oder Zika-Virus verbreiten. Für Touristen, die Island für seine reinen Luft und unberührte Landschaften schätzen, könnte das bedeuten, dass Wanderungen in Zukunft Insektenspray und Netze erfordern – ein Kontrast zu der bisherigen Idylle.

Die isländische Regierung reagiert prompt Das Umweltministerium plant erweiterte Monitoring-Programme, inklusive Drohnenüberwachung von Feuchtgebieten und Bürgerwissenschafts-Initiativen, bei denen Locals Sichtungen melden können. Kooperationen mit internationalen Organisationen wie der EEA und der WMO sollen Daten teilen und Früherkennungssysteme aufbauen. Experten raten zur Vorsicht: „Wir müssen beobachten, ob sich eine Population etabliert, oder ob es ein vorübergehender Import war“, sagt Alfreðsson. Bislang gibt es keine Hinweise auf eine große Vermehrung, aber die Behörden empfehlen, stehende Gewässer in Gärten zu vermeiden und auf Schiffsfracht achtzusam zu sein. Diese Entwicklung ist ein Weckruf: Der Klimawandel verändert nicht nur das Wetter, sondern ganze Ökosysteme und fordert globale Handlungen, um weitere Invasionen zu verhindern.

Die Informationen stammen von MSN und Euronews.com.