Goldpreis fällt am stärksten seit über einem Jahrzehnt, Rallye lässt nach
Der spektakuläre Anstieg des Edelmetalls im Jahr 2024 fand ein abruptes Ende. Nachdem der Goldpreis Mitte Mai ein Rekordhoch von über 2.450 US-Dollar pro Feinunze erreicht hatte, folgte ein scharfer Rückgang. Der Hauptauslöser dieser Abwärtsbewegung war eine Kombination aus starken US-Wirtschaftsdaten und einer veränderten Marktstimmung in Bezug auf die Politik der Zentralbanken.
Am Freitag, dem 7. Juni 2024, berichtete das US-Arbeitsministerium, dass die amerikanische Wirtschaft im Mai 272.000 neue Arbeitsplätze geschaffen hatte – deutlich mehr als von Ökonomen erwartet. Dieser robuste Arbeitsmarktbericht verringerte die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank ihre Zinsen bald senken würde. Höhere Zinssätze stärken in der Regel den Dollar und erhöhen die Opportunitätskosten des Haltens renditeloser Anlagen wie Gold, was diese für Investoren weniger attraktiv macht.
Hinzu kam die Veröffentlichung von Daten aus China. Die Volksbank von China (PBOC), die über 18 aufeinanderfolgende Monate Gold gekauft hatte, stoppte ihre Käufe im Mai unerwartet. Diese Nachricht, bestätigt von der chinesischen Devisenaufsicht, entfernte eine wichtige Nachfragequelle, die die Marktstärke zuletzt gestützt hatte.
Die doppelte Wirkung einer möglicherweise strafferen Fed-Politik und des Rückzugs eines großen staatlichen Käufers schuf eine perfekte Sturmkonstellation, die massive Verkäufe von Spekulanten und Fondsanlegern auslöste.
Neueste Daten: Ein statistischer Überblick
Preis-Höchst- und Tiefpunkt: Der Spotpreis für Gold erreichte am 20. Mai 2025 ein Rekordhoch von 2.454,20 US-Dollar pro Unze. Bis Ende der ersten Juniwoche fiel er auf bis zu 2.286 US-Dollar – ein Rückgang um fast 7% vom Höchststand.
Zentralbanknachfrage: Laut World Gold Council haben die Zentralbanken weltweit im ersten Quartal 2025 netto 290 Tonnen Gold zu ihren Reserven hinzugefügt. Der Kaufstopp der PBOC im Mai stellt jedoch eine deutliche Abweichung von diesem Trend dar. Die Bestände der PBOC blieben Ende Mai unverändert bei 72,80 Millionen Feinunzen.
ETF-Abflüsse: Nach dem Preisrückgang verzeichneten goldgedeckte ETFs erhebliche Abflüsse. Daten großer Börsen zeigten, dass Anleger in der ersten Juniwoche Hunderte Millionen US-Dollar aus diesen Fonds abzogen – eine Umkehrung der moderaten Zuflüsse im Mai.
Offizielle Reaktionen und Experteneinschätzungen
Marktanalysten und Zentralbankbeamte äußerten sich schnell zu der dramatischen Preisbewegung.
Vertreter der US-Notenbank betonten in jüngsten Reden einen datengesteuerten Ansatz und erklärten, man müsse mehrere Monate lang eine klare Annäherung der Inflation an das 2%-Ziel sehen, bevor Zinssenkungen in Betracht gezogen würden. Diese „höher für länger“-Politik stellt für Gold einen erheblichen Gegenwind dar.
Auswirkungen auf den Boden: Von globalen Investoren bis zu lokalen Juwelieren
Die Volatilität hat spürbare Auswirkungen auf der ganzen Welt. Große institutionelle Investoren und Hedgefonds mit gehebelten Positionen erlitten beträchtliche Verluste. Für Privatanleger, die nahe dem Höchststand eingestiegen sind, war der Absturz eine schmerzhafte Lektion über Marktrisiken.
Im Hauptjuwelierviertel von Dhaka, Tanti Bazaar, hat sich die Stimmung gewandelt. „Als der Preis so schnell stieg, zögerten viele Kunden mit dem Kauf und warteten auf eine Korrektur“, sagte Aminul Islam, ein Juwelier in dritter Generation. „Jetzt, da der Preis gefallen ist, kommen einige zurück, aber viele warten, ob er weiter fällt. Solche starken Bewegungen schaffen große Unsicherheit für unser Geschäft, vor allem beim Lagerbestand.“
Ähnliche Eindrücke gibt es auch in anderen großen Gold verbrauchenden Ländern. In Indien könnte der Preisrückgang vor der Hochzeits- und Festsaison zwar die physische Nachfrage etwas ankurbeln, doch die generelle Volatilität dürfte viele Käufer vorerst zurückhalten.
Was als Nächstes zu beobachten ist
Die zukünftige Entwicklung des Goldpreises hängt in den kommenden Wochen und Monaten stark von mehreren Faktoren ab:
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Zentralbank-Kommentare: Alle Augen richten sich auf die kommenden Sitzungen der US-Notenbank sowie auf Aussagen der Europäischen Zentralbank. Jegliche Anzeichen eines zinssenkenden Kurses könnten den Goldpreis erneut antreiben.
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Inflationsdaten: Die kommenden Verbraucher- (CPI) und Erzeugerpreisindizes (PPI) der großen Volkswirtschaften werden entscheidend sein. Schwächere Inflationsdaten könnten frühere Zinssenkungen begünstigen und Gold stützen.
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Geopolitische Entwicklungen: Eskalationen bestehender Konflikte im Nahen Osten oder in Osteuropa könnten eine Flucht in sichere Anlagen auslösen – was die Nachfrage nach Gold steigen ließe.
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Chinas nächster Schritt: Der Markt beobachtet aufmerksam, ob die PBOC-Pause nur vorübergehend war oder den Beginn einer neuen Phase markiert. Eine Wiederaufnahme der Goldkäufe wäre deutlich positiv für die Preise.
Fazit: Ein Markt am Scheideweg
Der Goldmarkt befindet sich derzeit an einem kritischen Wendepunkt. Der jüngste Preisverfall hat einen Teil der spekulativen Übertreibung korrigiert, doch die fundamentalen Treiber, die ihn zu Rekordhöhen geführt haben, sind weiterhin vorhanden. Geopolitische Unsicherheiten, hohe Staatsverschuldung und eine langfristige geldpolitische Wende bleiben starke Rückenwinde. Kurzfristig jedoch hängt der Markt von den Entscheidungen der Zentralbanken und makroökonomischen Daten ab – was für Anleger und Verbraucher anhaltende Volatilität bedeutet. Die Phase leichter Gewinne scheint vorbei zu sein, ersetzt durch ein komplexeres und unsicheres Umfeld.
