Was wir über die Messerattacken im Zug von Doncaster nach London wissen
Ein Nacht des Schreckens spielte sich in einem Hochgeschwindigkeitszug von Doncaster nach London ab und gipfelte in einem der schwersten Messerangriffe in einem Zug auf dieser Strecke in jüngster Zeit. Elf Passagiere wurden verletzt, die Nation steht unter Schock. Der Angriff, den die British Transport Police (BTP) am Sonntag bestätigte, werde nicht als terroristischer Vorfall behandelt, hat jedoch eine heftige neue Debatte über die öffentliche Sicherheit im britischen Bahnverkehr ausgelöst.
Die chaotischen Szenen ereigneten sich im 18:25-Uhr-LNER-Azuma-Zug am Samstag, dem 1. November 2025. Zeugen berichteten von einem plötzlichen Ausbruch der Gewalt kurz nach der Abfahrt des Zuges aus Peterborough. Der Zug machte einen Notstopp in Huntingdon, Cambridgeshire, wo bewaffnete Polizisten die Waggons stürmten und zwei Verdächtige festnahmen. Am Sonntagabend bestätigte die BTP, dass sich zwei der elf Opfer weiterhin mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Krankenhaus befinden.
Der Vorfall hat im ganzen Land eine schockierende Resonanz ausgelöst und Fragen über die Sicherheit von Bahnreisenden aufgeworfen. Doch dieses Gewaltereignis steht im Widerspruch zu aktuellen Statistiken. Offizielle Daten aus dem Jahr 2025 von sowohl der British Transport Police als auch dem Office for National Statistics (ONS) zeigen, dass das Risiko, Opfer eines Verbrechens im Bahnverkehr zu werden, vor diesem Angriff rückläufig war, ebenso wie die Zahl der Messerstraftaten landesweit leicht gesunken war.
Wichtige Fakten: Was wir wissen
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Der Vorfall: Ein Massenmesserangriff ereignete sich im 18:25-Uhr-LNER-Zug von Doncaster nach London King’s Cross am Samstag, dem 1. November 2025.
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Opfer: Elf Personen wurden verletzt. Am 2. November befanden sich zwei in „lebensbedrohlichem Zustand“, vier wurden bereits aus dem Krankenhaus entlassen.
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Verdächtige: Zwei Männer – ein 32-jähriger britischer Staatsbürger mit schwarzer Hautfarbe und ein 35-jähriger britischer Staatsbürger karibischer Herkunft – wurden am Tatort wegen versuchten Mordes festgenommen. Beide wurden im Vereinigten Königreich geboren.
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Motiv: Der Angriff wird nicht als Terroranschlag behandelt. Das „Plato“-Protokoll der BTP (für groß angelegte Terrorvorfälle) wurde zunächst aktiviert, später jedoch aufgehoben.
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BTP-Kriminaldaten (2024/25): Die Kriminalitätsrate im britischen Bahnverkehr sank im letzten Berichtsjahr von 26,8 auf 26,0 Straftaten pro Million Passagierreisen.
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Nationale Kriminaldaten (2024/25): Laut ONS gingen Straftaten mit Messern oder scharfen Gegenständen bis März 2025 um 1% zurück.
„Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an“: Der Angriff im Zug 18:25
Für die Fahrgäste an Bord verwandelte sich die Reise innerhalb weniger Minuten in einen Albtraum. Augenzeugenberichte zeichnen ein Bild purer Panik in den engen Waggons. Der Zug hatte Peterborough gegen 19:30 GMT verlassen, als die Gewalt begann. Fahrgast Olly Foster berichtete der BBC, er habe das Geschehen zunächst für einen Halloween-Streich gehalten. „Ich hörte, wie Leute schrien ‚Lauft, lauft, da ist jemand, der jeden absticht!‘“, sagte Foster. Erst als er Blut auf seiner Hand sah, das von einem Sitz stammte, auf den er sich gestützt hatte, wurde ihm der Ernst der Lage bewusst.
Zeugen berichteten von Menschen, die über Sitze kletterten und durch die Wagen flohen, einige verbarrikadierten sich in Toiletten. „Überall war Blut“, sagte ein Fahrgast gegenüber der Times. Ein anderer Zeuge erzählte dem Spectator von einer Szene großer Tapferkeit: Ein Mann habe den Angreifer daran gehindert, ein junges Mädchen zu attackieren, dabei eine schwere Halsverletzung erlitten und sei anschließend zusammengebrochen.
Die BTP erhielt den ersten Notruf (999) um 19:42 GMT. Als der Zug den Notstopp in Huntingdon machte, warteten bewaffnete Beamte der Cambridgeshire Constabulary und der BTP bereits. Superintendent John Loveless bestätigte, dass die Beamten den Zug bestiegen und die Verdächtigen innerhalb von acht Minuten nach dem ersten Anruf festnahmen.
Die Reaktionen der Verantwortlichen waren schnell und unmissverständlich. Premierminister Keir Starmer nannte den Vorfall „entsetzlich und zutiefst beunruhigend“, während aus dem Buckingham Palace verlautete, König Charles und Königin Camilla seien „zutiefst erschüttert und schockiert über den schrecklichen Messerangriff“.
Eine investigative Analyse: Ist Bahnfahren in Großbritannien gefährlicher geworden?
Der Angriff von Huntingdon hat das öffentliche Gefühl verstärkt, dass Gewaltdelikte zunehmen. Für die BTP und die Bahnbetreiber stellt der Vorfall einen schweren Rückschlag im Vertrauen der Passagiere dar. Doch der jüngste Jahresbericht der BTP zeigt ein differenzierteres Bild.
Der Bericht der British Transport Police Authority (BTPA) für das Jahr 2024/25, veröffentlicht am 16. Juli 2025, enthält die umfassendsten Daten über Bahnkriminalität.
Zwei gegensätzliche Trends werden sichtbar:
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Absolute Zahl der Delikte gestiegen: Die BTP verzeichnete im Geschäftsjahr 2024/25 einen Anstieg der registrierten Verbrechen um 5,4% gegenüber 2023/24.
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Risiko pro Reise gesunken: Da die Zahl der Bahnreisen stärker stieg als die Zahl der Straftaten, sank die Rate der Verbrechen pro Million Passagierreisen leicht – von 26,8 auf 26,0.
Statistisch gesehen war die individuelle Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Bahnverbrechens zu werden, also leicht gesunken. Die BTP betonte in ihrem Bericht Schwerpunkte wie „Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen“, ein Bereich, der weiterhin maßgeblich das Sicherheitsgefühl der Öffentlichkeit bestimmt.
Dieser einzelne, schreckliche Vorfall droht jedoch, all diese statistischen Fortschritte in der öffentlichen Wahrnehmung zunichtezumachen.
Das nationale Bild: Angst der Nation vs. Daten
Das Paradox erstreckt sich über die Bahn hinaus. Die neuesten Statistiken des Office for National Statistics (ONS) im Bericht „Crime in England and Wales – Jahr bis März 2025“ (veröffentlicht am 24. Juli 2025) widersprechen der Annahme einer eskalierenden Messerkriminalität.
Keratadaten des ONS-Berichts:
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Messerkriminalität: Straftaten mit Messern oder scharfen Gegenständen gingen um 1% auf 53.047 Fälle zurück.
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Tötungsdelikte: Die Zahl der Morde sank um 6% auf 535 Fälle – der niedrigste Wert seit dem Jahr 2014.
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Gesamtkriminalität: Der Gesamtwert der Crime Survey for England and Wales (CSEW) zeigte zwar einen Anstieg von 7%, doch laut ONS war dieser auf einen Anstieg von Betrugsdelikten um 31% zurückzuführen. Die meisten anderen Deliktarten, insbesondere Gewalttaten, zeigten keine signifikante Veränderung oder einen Rückgang.
Diese Daten legen nahe, dass die Angst vor Gewaltverbrechen zwar groß ist, die tatsächliche Zahl der Messerstraftaten aber leicht zurückgegangen ist.
Experteneinschätzung: Das Paradox der „Angst vor Kriminalität“
Warum also fühlt sich dieser Vorfall so bedrohlich an, obwohl das tatsächliche Risiko stabil oder sinkend ist? Die Antwort liegt in der Psychologie der Angst.
Kriminologen sprechen vom „fear of crime“-Paradox – der Diskrepanz zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung von Gefahren. Diese Diskrepanz wird stark durch mediale Berichterstattung und die Art des Verbrechens beeinflusst. Professor Andrew Davies von der University of Liverpool erforscht, wie die Medien Angst vor Kriminalität und stereotype Vorstellungen über Täter und Tatorte erzeugen.
Ereignisse wie der Messerangriff im LNER-Zug verstärken diese Angst besonders aus drei Gründen:
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Geschlossene Räume: In einem Zug gibt es kein Entkommen, das Gefühl der Ohnmacht steigt.
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Zufälligkeit: Der Angriff schien willkürlich, wodurch die Illusion von „Vermeidbarkeit“ verschwindet.
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Entweihung eines sicheren Ortes: Der öffentliche Nahverkehr gilt als sicherer Alltag – ein Angriff hier zerstört dieses Grundvertrauen.
Dies deckt sich mit dem „Thomas-Theorem“ in der Soziologie: „Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie real in ihren Konsequenzen.“
Die Konsequenz dieses Angriffs: reale, messbare Angst. Diese Angst kann zu „Vermeidungsverhalten“ führen – Menschen fahren seltener mit dem Zug, arbeiten lieber von zu Hause oder vermeiden Reisen bei Nacht, unabhängig von den Zahlen.
Der weitere Verlauf
Aktuell steht die Genesung der Opfer im Vordergrund. Für die beiden Personen in lebensbedrohlichem Zustand sind die kommenden Stunden entscheidend.
Die beiden Verdächtigen, die wegen versuchten Mordes festgenommen wurden, befinden sich getrennt in Polizeigewahrsam und werden weiter befragt. Ermittler konzentrieren sich nun auf das Motiv, die Beziehung zwischen den Männern und den genauen Ablauf der Tat.
Im Bahnbetrieb dauern die Störungen an. LNER warnte Reisende vor erheblichen Einschränkungen auf der gesamten East Coast Main Line, riet am Sonntag von Reisen ab und erwartet Verspätungen bis Montag, den 3. November.
Langfristig steht die British Transport Police vor einer immensen Herausforderung. Superintendent Loveless versprach bereits eine „sichtbare Polizeipräsenz an Bahnhöfen und in Zügen“, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Doch dieser Vorfall zeigt, wie zerbrechlich das Sicherheitsgefühl ist.
Das Vermächtnis des 18:25-Zugs nach King’s Cross wird sich nicht nur am menschlichen Leid messen lassen, sondern auch an den tiefen psychologischen Narben, die es in einer Nation mit 1,7 Milliarden Bahnreisen jährlich hinterlässt. Dieser Angriff hat in brutalster Weise den Unterschied zwischen „sich sicher fühlen“ und „sicher sein“ offenbart
