Prozess beginnt in Klarnas 8,3-Milliarden-Dollar-Klage gegen Google
Ein schwedisches Gericht hat am Montag, dem 20. Oktober 2025, die Anhörungen in einem hochkarätigen Rechtsstreit eröffnet, der weitreichende Konsequenzen für den Tech-Sektor haben könnte. Die Klage stammt von Pricerunner, einem etablierten schwedischen Preisvergleichsportal, das seit 2022 vollständig in den Konzern Klarna integriert ist. Dieses Portal wirft dem US-amerikanischen Tech-Riesen Google vor, durch systematische Bevorzugung seiner eigenen Einkaufsvergleichsdienste in den Suchergebnissen massive wirtschaftliche Schäden verursacht zu haben. Der nun geforderte Schadensersatz beläuft sich auf beeindruckende 8,3 Milliarden US-Dollar, was etwa 78 Milliarden Schwedische Kronen entspricht. Dieser Fall knüpft direkt an jahrelange regulatorische Auseinandersetzungen an und unterstreicht die anhaltenden Spannungen zwischen EU-Wettbewerbsbehörden und globalen Tech-Konzernen. Experten sehen darin nicht nur einen Kampf um Milliarden, sondern auch um faire Marktbedingungen im digitalen Handel, der in Europa jährlich Hunderte Milliarden Euro umsetzt.
Der Prozess findet vor dem Patent- und Markengericht in Stockholm statt, einem Spezialgericht für komplexe Fälle im Bereich geistigen Eigentums und Wettbewerbsrecht. Er markiert einen Meilenstein in der Auseinandersetzung mit Googles Marktpraktiken, die seit über einem Jahrzehnt kritisiert werden. Für Klarna, ein aufstrebendes Fintech-Unternehmen mit Fokus auf smarte Zahlungen und Transparenz im Einkauf, geht es um mehr als nur Geld: Es geht um die Wiederherstellung eines ausgewogenen Wettbewerbs, der unabhängige Anbieter wie Pricerunner vor dem Druck eines Monopolisten schützt.
Der Hintergrund des Streits: Von der EU-Strafe bis zur Klage
Die Wurzeln dieses Konflikts reichen bis in die frühen 2010er Jahre zurück, als Google seinen eigenen Preisvergleichsdienst Google Shopping aggressiv in die Suchmaschine integrierte. Pricerunner reichte die Klage im November 2022 ein, unmittelbar nach einem wegweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). Dieses Urteil bestätigte, dass Google EU-Antitrustgesetze verletzt habe, indem es Suchergebnisse manipulierte, um eigene Dienste zu bevorzugen. Konkret hatte die Europäische Kommission (EK) bereits 2017 festgestellt, dass Google unabhängige Konkurrenten benachteiligt und dadurch den Wettbewerb verzerrt habe. Die Strafe damals: Rekordhafte 2,42 Milliarden Euro, die Google trotz Berufung zahlen musste.
Ursprünglich kalkulierte Pricerunner den Schadensersatz auf rund 2 Milliarden Dollar, betonte aber schon bei der Klageerhebung, dass der endgültige Betrag “deutlich höher” ausfallen würde. Dies lag an der anhaltenden Natur der Vorwürfe: Googles Praktiken seien nicht ein einmaliges Delikt, sondern ein fortlaufender Missbrauch der Marktmacht. Bis heute hat sich die Forderung durch detaillierte wirtschaftliche Analysen auf 78 Milliarden Kronen verdoppelt und mehr. Klarna-Sprecher John Craske erklärte in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) am Montag “Wir fordern etwa 78 Milliarden Kronen (8,3 Milliarden Dollar), basierend auf einer umfassenden wirtschaftlichen Bewertung der entstandenen Verluste.” Er fügte hinzu, dass diese Schäden “täglich weiter wachsen”, da die Beeinträchtigung des Marktes anhält und Pricerunner weiterhin Umsatzeinbußen erleidet.
Klarna selbst, gegründet 2005 in Stockholm, ist zu einem der führenden Fintech-Unternehmen Europas avanciert. Mit über 150 Millionen Nutzern weltweit bietet es innovative Lösungen wie “Buy Now, Pay Later” und integrierte Preisvergleiche. Die Übernahme von Pricerunner im Jahr 2022 für einen nicht offiziell genannten Betrag (Schätzungen gehen von 200 Millionen Euro aus) war strategisch Sie stärkte Klarna im Bereich E-Commerce-Daten und -Vergleiche. In einer offiziellen Stellungnahme am Freitag vor Prozessbeginn unterstrich Klarna, dass die EK-Entscheidung von 2017 und die EuGH-Bestätigung vom September 2024 die Grundlage für die Forderung bilden. “Die Europäische Kommission hat 2017 festgestellt, dass Google Wettbewerbsrecht verletzt hat, indem es seinen eigenen Shopping-Dienst bevorzugte. Der Europäische Gerichtshof hat dies 2024 bestätigt. Klarna fordert nun Schadensersatz gemäß diesem Urteil”, hieß es darin. Diese Urteile sind Teil einer breiteren EU-Offensive gegen Tech-Giganten, die seit 2018 über 10 Milliarden Euro an Strafen gegen Unternehmen wie Google, Apple und Meta verhängt hat.
Wie Google den Markt beeinflusst: Die Macht der Suchmaschine
Die Kernfrage des Prozesses dreht sich um Googles dominante Stellung im Suchmarkt. In Europa laufen über 90 Prozent aller Online-Suchen über Google, was dem Unternehmen eine nahezu monopolartige Kontrolle über die Sichtbarkeit von Inhalten und Diensten verleiht. Klarna betonte in seiner Freitags-Stellungnahme: “Um Verbraucher online zu erreichen, muss man in den Suchergebnissen sichtbar sein. Und genau dort hat Google fast vollständige Macht.” Vor dem Launch von Google Shopping im Jahr 2012 rangierten unabhängige Preisvergleichsportale wie Pricerunner regelmäßig auf den oberen Plätzen der Ergebnisse. Nutzer, die nach “billige Schuhe” suchten, sahen eine Vielfalt an Optionen – von lokalen Anbietern bis zu internationalen Portalen.
Seit der Einführung von Google Shopping hat sich das geändert Die Algorithmen priorisieren nun Googles eigene Werbe- und Vergleichsanzeigen, die oft die oberen vier Positionen einnehmen. Unabhängige Sites wie Pricerunner rutschen dadurch in den Schatten, was zu dramatischen Umsatzverlusten führt. Laut Schätzungen der EK hat Pricerunner seit 2013 bis zu 85 Prozent seines potenziellen Traffics und damit Umsatzes verloren. Ähnliche Effekte trifft andere Anbieter wie Twenga oder Kelkoo, die in parallelen Klagen gegen Google vorgehen. Die EU-Wettbewerbsregeln, insbesondere Artikel 102 des AEUV, verbieten genau solche Praktiken Der Missbrauch einer dominanten Position, um Konkurrenten auszuschließen.
Google wehrt sich energisch. Vor Gericht argumentiert das Unternehmen, es habe seine Marktmacht nicht missbraucht und Pricerunner leide “überhaupt keinen Schaden”. Vertreter von Google betonen in internen Dokumenten (die in früheren EK-Untersuchungen zitiert wurden), dass die Algorithmen neutral seien und auf Relevanz für Nutzer optimiert würden. Dennoch hat Google in der Vergangenheit Änderungen vorgenommen, wie die Einführung einer “Auktion” für Shopping-Platzierungen, um faire Bedingungen zu simulieren – Maßnahmen, die die EK jedoch als unzureichend kritisierte. AFP hat Google um eine Stellungnahme gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten. Der Prozess ist auf bis zum 19. Dezember 2025 angesetzt, mit Zeugenaussagen von Experten, Wirtschaftsanalysten und Vertretern beider Seiten. Mögliche Beweismittel umfassen interne Google-Mails und Daten zu Traffic-Änderungen, die Pricerunner vorlegt.
Bedeutung für Klarna, Google und den europäischen Markt
Für Klarna ist dieser Rechtsstreit ein Schlüsselmoment in seiner Expansion. Das Unternehmen, das 2022 mit einer Bewertung von über 45 Milliarden Dollar galt, hat kürzlich Herausforderungen wie steigende Zinsen gemeistert und sich auf profitable Kernmärkte konzentriert. Pricerunner, gegründet 1999, bringt Expertise in datengetriebenen Vergleichen ein und bedient Millionen von Nutzern in Skandinavien und darüber hinaus. Eine Gewinnung der Klage könnte Klarna nicht nur finanziell entlasten, sondern auch als Signal an Investoren wirken: Es zeigt, dass europäische Firmen gegen US-Tech-Riesen bestehen können. Klarna kooperiert bereits mit großen Händlern wie Zalando, Nike und dem schwedischen Möbelriesen IKEA, und der Prozess könnte seine Verhandlungsposition stärken.
Auf breiterer Ebene testet der Fall die Wirksamkeit der EU-Antitrust-Politik. Die EK hat seit 2017 mehrere Maßnahmen ergriffen, darunter Auflagen für Google, um Konkurrenten fairer zu behandeln. Dennoch laufen ähnliche Klagen in Ländern wie Frankreich und den Niederlanden, wo Anbieter wie Cdiscount oder Vergelijk.nl Schadensersatz fordern. Experten der schwedischen Wettbewerbsbehörde Konkurrensverket sehen den Prozess als “wichtigen Testfall” für die Durchsetzung von Digital Markets Act (DMA)-Regeln, die ab 2024 gelten und Tech-Giganten zu mehr Transparenz zwingen. Eine Niederlage für Google könnte zu algorithmischen Anpassungen führen, die den gesamten E-Commerce-Markt beleben – von kleinen Start-ups bis zu etablierten Playern.
Google selbst steht unter Druck: Das Unternehmen hat in EU-Verfahren Strafen in Höhe von über 8 Milliarden Euro akzeptiert, kämpft aber weiter gegen Vorwürfe in Bereichen wie Werbung und Datenschutz. Eine hohe Auszahlung an Klarna würde nicht nur den Konzern belasten, sondern auch andere Kläger ermutigen. Der Ausgang könnte Präzedenzwirkung haben und den Weg für eine fragmentiertere, aber wettbewerbsfähigere Suchlandschaft ebnen, in der Alternativen wie Bing oder DuckDuckGo an Boden gewinnen. Bis zum Urteil bleiben alle Augen auf Stockholm gerichtet – ein Prozess, der die Balance zwischen Innovation und Regulierung in der Digitalwirtschaft neu definieren könnte.
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